karsten neumann: offener leserbrief zu den nürnberger stadt(ver-)führungen
die diesjährigen stadt(ver-)führungen, die das kulturrefrat in nürnberg organisiert, stehen unter dem motto "dürer - künstler - könner".
lassen sie mich mal einen bogen spannen, der auf die tatsache, dass hier u.a. nürnberger künstler für eine winzige aufwandsentschädigung, faktisch also umsonst, bildung für die mitbürger betreiben, die der staat und die durch eigentum verpflichteten unternehmen schon lange nicht mehr leisten, indem sie ihre ateliers öffnen, jetzt nicht näher eingeht.
lassen sie mich einfach mal den titel der veranstaltung beleuchten: da wird ein bogen gespannt vom großen deutschen meister der renaissance, albrecht dürer, über den künstler hin zum könner. sofort musste ich an das buch des ehemaligen stuttgarter galeristen hans jürgen müller, das in der erstauflage 1976 im verlag für moderne kunst erschienen ist und 1990 sogar in eine neuauflage ging, denken. ein verlag, der heute seinen sitz in nürnberg hat. das buch heißt "kunst kommt nicht von können".
welch wunderbarer titel dieses so wunderbaren galeristen, der mittlerweile auf mariposa (kanarische inseln) weilt und dort u.a. denker wie den berliner und röthenbacher dr. reinhard knodt einlädt seminare zu geben und der früher künstler wie günther uecker, cy twombly, georg karl pfahler, dieter roth usw. ausgestellt und gefördert hat.
der besuch des seminar von dr. reinhard knodt für hiesige künstler wurde übrigens von einem in der hiesigen kunstszene offensichtlich bekannten regionalen immobilien- und vermögensverwaltermogul nicht gefördert. was soll man auch nürnberger künstler fördern, dass sie einen weltbekannten galeristen und einen ausgezeichneten philosophen kennenlernen. aber das nur am rande.
cy twombly und all die anderen aber nun sind, das steht fest, keine könner. aber sie sind weltweit bekannte künstler, die mittlerweile millionenbeträge erzielen. so ist cy twombly z.b. in der soeben in münchen eröffneten sammlung brandhorst vertreten. künstler wie dieter roth und günther uecker sind derzeit zum teil in der ausstellung "kunst und kalter krieg" im germanischen nationalmuseum zu sehen. aber dieses museum ist ja kein städtisches.
war nun also wenigstens dürer ein könner, wie uns das nürberger kulturreferat mit seiner honorarprofessorin an der spitze suggerieren will?
mitnichten!
was dürer auszeichnet, ist doch nicht das faktisch gute malen, das die gemalten gegenstände als solche auch für einen bildbetrachtungslaien erkennenbar macht.
was dürer auszeichnete, ist, dass er z.b. als erster reine tiermalerei betrieben hat, dass er als einer der ersten einen farbigen afrikaner gemalt hat, dass er seine signatur zum logo gemacht hat usw. kurz, dass er seiner zeit voraus war und kulturelle schritte in der wahrnehmung vollzog und damit alle seine zeitgenossen weit hinter sich ließ. dass dürer also diese geistigen prozesse, die wandlungen in der gesellschaft wahrnahm und verstand zu papier und leinwand zu bringen, das ist es was ihn auszeichnet und nicht, dass er einen hasen malen konnte, den man als hasen identifizieren kann, wenn man in seinem leben schon mal einen hasen gesehen hat.
aber unser kulturreferat pocht auf´s können und kennt den buchtitel von hans jürgen müller wahrscheinlich nicht.
das kulturreferat und seine mitarbeiter setzten hiermit ihre wertekonservative und reaktionäre arbeit fort, zu der sie schon seit jahren das geniale werk albrecht dürers missbrauchen. vergessen gemacht werden sollen auf diese art und weise die moderne, dinge wie fluxus, konzeptkunst usw.
frau kann davon ausgehen, dass das kulturreferat sich wahrsacheinlich den spruch einer postkarte zu eigen machte, einer postkarte aus der zeit der NS-diktatur, als der heutige hauptmarkt noch adolf hitler platz hiess, und nun auch in symbiose mit den altstadtfreunden ein revanchistisches geschichts- und kulturverständnis propagiert wird. denn es soll ja z.b. der rekonstruierte und wiederaufgebaute pellerhof, den sogar der bayerische rundfunk als mahnmal gegen den faschismus bezeichnete, laut der derzeitigen frau kulturreferentin, einmal das staatsmuseum der bayerischen geschichte beherbergen. das ist geil, das ist toll. ein staatsmuseum, das übrigens das dritte außerhalb münchens wäre, denn das neue museum ist nicht das erste bayerische staatsmuseum außerhalb münchens, wie die frau referentin bei ihr die regiesprengenden ansprache zur eröffnung der ausstellung von katharina grosse sagte, sondern das zweite. das erste war, nebenbei, das armeemusuem in ingolstadt.
der spruch auf der NS-postkarte jedenfalls lautet:
"wenn einer deutschland kennen und deutschland lieben soll
muss man ihm nürnberg nennen, der edlen künste voll,
dich nimmermehr veraltet, du ewig deutsche stadt,
wo dürers kraft gewaltet, hans sachs gesungen hat"
in diesem sinne plädiere ich dafür, dass das nürnberger altstadtfest in zukunft endlich unter der federführung des kulturreferats organisiert wird!
hans sachs, dürer und patrizier bier, da wird dann endlich der traum des referats wahr, dass nürnberg nachhaltig ausßrhalb der 50 kilometer zone wahrgenommen wird. ein prosit!
Karsten Neumann
www.bethang.org
1 Kommentare:
bravo
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