10.05.2009

Zeit - Performance - Kunst

Anmerkungen zu “romea hill”
Karsten Neumanns behang-Silvesterparty am 8. Mai 2009
von Dr. Harald Tesan


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Silvestergäste,

die eben gehörte Konzertperformance basiert auf einer Partitur, die Karsten Neumann auf der Grundlage eines 1946 veröffentlichten Textes erstellte. Es handelt sich um die Rede des britischen Chefanklägers der Nürnberger Prozesse, Sir Hartley Shawcross. Karsten Neumann hat alle “O s” in dieser Rede farbig markiert und am Computer freigestellt. Die über das Blatt verteilten roten Punkte hat er dann auf ein Notenblatt gedruckt.

Diese Methode, einen geschriebenen Text in Musik zu überführen, ist am ehesten der Konkreten Poesie vergleichbar, wo vor allem Wert gelegt wird auf intuitiv wahrnehmbare Sprachmelodie und nicht so sehr auf logisch nachvollziehbare Inhalte. Wie man auf der Partitur Neumanns erkennen kann, ist einzig die Tonhöhe festgelegt, nicht jedoch die Länge der Noten und die Dauer der Intervalle zwischen ihnen. Der bildende Künstler gibt dem Musiker demnach die Freiheit, über die Dynamik des Stückes selbst zu entscheiden. Paul Weigel konnte bei der Vertonung der Neumannschen Partitur frei über die Zeit verfügen.

Womit wir schon mitten im Thema wären, denn schließlich soll ich sprechen über: “Zeit - Performance - Kunst”. Nun könnte man über das freie Verfügen der Künstler über die Zeit wunderbare Anekdoten erzählen. Scheinen die Künstler doch zu jenen glücklichen Menschen zu gehören, die sich am erfolgreichsten dem alltäglichen Zeitdruck zu entziehen wissen. Ich will es aber nicht bei solch launigen Bonmots belassen, auch wenn in diesem engen Tunnel nicht der Raum ist, zu einem kulturgeschichtlichen Rundumschlag auszuholen.

Den Faktor Zeit entdeckten schon die Künstler des Barock, indem sie die Vanitas, also die Vergänglichkeit allen Irdischen, thematisierten. Eine große Rolle spielt der Zeitbegriff dann in der so genannten Klassischen Moderne. Zum Beispiel suchten die italienischen Futuristen die Geschwindigkeit des modernen Zeitalters einzufangen und malten Lokomotiven, Flugzeuge oder Rennautos. Und die Einsteinsche Relativitätstheorie ist wohl in keinem Bild populärer dargestellt worden als in den weichen Uhren des Surrealisten Salvador Dalí.

Die Fluxus-Künstler der 60er Jahre kultivierten die Performance. Es ist eine Kunstform, die den Faktor Zeit ausdrücklich mit einbezieht. Indem sie auf die Prozesshaftigkeit von Kunst anspielten, wollten sie das Kunstwerk aus dem Korsett der Dinghaftigkeit befreien. Kunst sollte im Sinne der sozialen Plastik von Joseph Beuys als gesellschaftlich interaktives Gut und nicht als toter Besitz eines Einzelnen betrachtet werden.

Wenn es um Zeit geht, geht es zugleich immer um Einteilen, Messen und Abgrenzen. Priester und Schamanen nutzten das Wissen um den Verlauf der Gestirne zur Berechnung von Aussaat und Ernte. Wie die Künstler konnten sie faulenzen, denn sie mussten nicht auf dem Feld malochen. Sternwarten und Kalender existierten in den alten Kulturen oftmals in architektonischer Form, waren damit künstlerisch gestaltet und Teil des öffentlichen Lebens.

Es ist kein Zufall, dass Marcel Proust über Jahre hinweg auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist und es bei Michael Ende die grauen Männer sind, die den Menschen die Zeit stehlen. Wer die Zeit im Griff hat, besitzt Macht über die Menschen. Bestand der Zweck der periodischen Zeiteinteilung ursprünglich darin, die Wachstumsphase eines Zyklus zu steigern, so handelt die Geschichte von der Zeit immer auch davon, korrekte Regeln für das Funktionieren eines Staates zu finden. Damit ist die Geschichte von der Zeitrechnung immer auch Spiegel von unterschiedlichen Systemen und Religionen.

Ein politischer Neubeginn war nicht selten mit der Einführung einer neuen Zeitrechnung verbunden. Es verwundert daher nicht, wenn die Sowjetunion plante, das christlich definierte Anno Domini durch eine neue, sozialistische Zeitrechnung zu ersetzen. Überhaupt ließe sich sehr kontrovers über Sinn und Unsinn von künstlich konstruierten Epochenschwellen diskutieren. Eine der ganz groß angekündigten Epochenschwellen, das Jahr 2000, liegt gerade hinter uns. Und Eckart Dietzfelbinger hat ja bereits auf die Fragwürdigkeit einer so genannten “Stunde Null” hingewiesen.

Wieso also schon wieder der Anlauf, eine neue, eine bethang- Zeitrechnung, zu etablieren? - Sicher, indem Karsten Neumann eine eigene Zeitrechnung einführt, stellt er sich in die Tradition der allumfassenden Reformer, die einen Wandel von Grund auf anstrebten. Schließlich ist die bethang-Zeit, die mit dem 8. Mai 1945, dem Datum der deutschen Kapitulation beginnt, Teil seiner allumfassenden Stadtutopie.

Neu-Mann, Nomen scheint hier Omen zu sein. Doch Neumann implementiert seine neue Zeitrechnung nicht als Staatsmann oder Religionsstifter, sondern als Künstler. Das ist ein entscheidender Unterschied. Während nämlich die anderen Jahre, Länder und letztlich Menschen voneinander abgrenzen, ist Karsten Neumann keiner, der neue Grenzen zieht. Als Vertreter eines Neo-Fluxus ist er ein Grenzgänger zwischen den Medien und den Kulturen.

Karsten Neumann während der Performance

Zeit - Performance - Kunst werden bei ihm als ein Kontinuum begriffen. In diesem Sinn ist auch die Rezitation von Thomas Machos “Todesmetaphern” zu verstehen. Neumann ist vom Hinübergehen vom Leben fasziniert, denn der Tod markiert die letzte, unumstößliche und wohl nie ganz zu begreifende Grenze.

Neumann, der stark vom Buddhismus und von fernöstlicher Philosophie beeinflusst ist, sieht Materie und Geist als komplementäre, ineinander überführbare Einheiten. Kunst ist bei ihm nichts, was in einem Goldrahmen hängt oder in einer Vitrine verstaubt. Einige kennen sicher die fröhlichen Assemblagen aus Plastikmüll, die der Künstler trotzig als Malereien bezeichnet. In ihnen wird ein wesentlicher Rohstoff unserer Zivilisation symbolisch eingebunden in den ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt.

By the way: Die meisten von uns haben sich bereits echte Neumannsche Kunstwerke einverleibt, vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein. Ihnen sei gesagt, dass die “bethangske”, die wohlschmeckenden, mit Koriander und Kurkuma gewürzten Kalbsbratwürste, Neumanns ureigenste Erfindung, somit echte Originale sind. Wer sie verzehrt hat, ist unwillkürlich Teil einer Sozialen Plastik geworden, deren Aussage in diesem Fall eindeutig ist: Zwar ähneln jene bethangske formal ihren Verwandten, den Nürnberger Rostbratwürsten, vom Inhalt sind sie jedoch ein Appell, auch andere Kulturen an der fränkischen Tafel willkommen zu heißen.

Wie die Marx-Brothers, die mit ihren irrewitzigen Wortkanonaden Gegensätze zwischen den amerikanischen Einwanderern aufzulösen vermochten, bedient sich Neumann des broken englisch, bzw. des gebrochenen Deutsches. “gutt karma” heißt denn auch die nachmitternächtliche Silvesterritualperformance, die uns im Anschluss noch erwartet.

Selbstverständlich ist auch der Titel der ganzen Veranstaltung ein typisch Neumannsches Zwitterwesen. “romea hill” ruft unterschiedlichste Assoziationen wach. Das italienisch-englische Wortkonglomerat wendet sich an Bilder, die tief ins kollektive Unterbewusstsein eingedrungen sind. So darf man bei “romea” an Romeo denken, der in der Endung auf “a” mit seiner Geliebten zu einem androgynen Wesen verschmilzt. Und bei hill, so hat mir Karsten verraten, dachte er unter anderem an den Hall, den es nun mal in einem Tunnel gibt.

Mit all den Wortneuschöpfungen demonstriert Karsten Neumann, dass auch Sprache kein abgeschlossenes Gebilde, sondern wie das Leben selbst im Fluss ist. Das Ambivalente, das Vermischte, das Kunterbunte ist sein Metier. Eine wichtige Strategie Neumanns beruht demnach auf dem Vielzuviel. Neumann bedient sich der Redundanz, um einer bereinigten Ästhetisierung der Lebenswelt entgegen zu wirken, wie sie die Klassische Moderne noch immer verfolgte.

Neumanns geradezu neobarocker Sensualismus wendet sich gegen alles Purifizierte, gegen den deutschen Reinheitswahn im allgemeinen und speziell gegen den restbraunen Sandsteinkult wohlmeinender Altstadtfreunde. Aus diesem Grund begehen wir unsere kleine Feier auch in einem Fußgängertunnel, wo die literarischen Texte mit den Graffitis der Sprayerszene zusammen einlesbar sind.

In der Performance zelebriert der Künstler einen neuen Ritus, um bestehende Rituale in Frage zu stellen. Er stellt sich die grundsätzliche Frage: “was ist Zeit” und will über eine veränderte Wahrnehmung zu erweiterten Einsichten gelangen. Mit seinen absurd wirkenden Aktionen will uns Neumann dazu bewegen, in der Normalität innezuhalten, um einen Neuansatz zum Denken zu finden.

Wer Karsten Neumann nicht kennt, wird ihn unter hunderten von Leuten sofort an seinem schallenden Gelächter erkennen. Warum lachen wir eigentlich? Die Hirnforschung hat dafür eine recht nüchterne Erklärung. Wir lachen dann, wenn unser Gehirn es nicht schafft, zwei nicht zusammen passende Informationen zur Deckung zu bringen. Dann wird unser ganzer Körper vom Zwerchfell aus durchgeschüttelt, damit der ganze Organismus einen Neuanfang zum Denken finden kann.

Wegen der bisweilen düsteren Texte des heutigen Abends brauchen wir keine Trauermine aufsetzen. Besser dürfen wir mit Neumann in ein befreiendes Lachen ausbrechen, um den besagten Neuansatz zum Denken zu bekommen. Und wir müssen das bethang-Silvester nicht als stringente Verordnung sehen, sondern - wie die anderen Neumannschen Konzepte auch - als ein Modell dafür, wie es auch anders gehen kann.

Mit diesem recht offenen Konzept entlasse ich Sie nun in die laue Silvesternacht und in die weitere Obhut des Stadtgründers Karsten Neumann, der für uns sicher noch einige Überraschungen bereit hält.